Belohnung durch Punkte

Von Bestechung und Belohnung bei Hunden und Schülern

Was haben Hunde und Schüler miteinander gemeinsam? Die grundlegende Erziehungsmethode. Belohnung, Bestrafung und Bestechung. Heute geht es zum einen darum, wie sich eben diese Erziehungsmethoden in den letzten Jahren verändert haben, wie wir sie im Unterricht sinnvoll und gewinnbringend einsetzen können und was eigentlich der Unterschied zwischen Belohnung und Bestechung ist.

Versteht mich nicht falsch. Das ist alles nicht neu. Diese gleich vorgestellten Ansätze sind schon sehr alt, aber so richtig aufgefallen ist es mir tatsächlich erst bei der Recherche nach Erziehungsmethoden für meinen zukünftigen Hund. So kann eine Veränderung um Leben ab und zu durch eine Verschiebung der Sichtweise positive Nebeneffekte auf andere Bereiche haben!

Erziehung gestern und heute

Wer sich eingehender mit der Historie der Erziehung befasst, wird schnell feststellen, dass sich die Erziehungsmaßnahmen in den letzten Jahren zum Glück drastisch verändert haben.

Früher hat man beispielsweise Schüler geschlagen, wenn sie etwas falsch gemacht haben, die Hausaufgaben nicht hatten oder einfach resolut nix lernen wollten. Das erzeugt bei Schülern einen sehr starken äußeren Druck aufgrund dieser – behaviouristisch gesehen – positiven Bestrafung. (positiv heißt hier, dass die Strafe hinzugefügt wird und ist nicht wertend zu deuten!)

Das macht man heute zum Glück nicht mehr, sonst wäre die Schule kein so angenehmer Ort des Lernens. Na ja. Meistens. Oftmals wird in der Schule auch mit Bestrafung gearbeitet. Denn was ist eine schlechte Note anderes als das Äquivalent einer Bestrafung mit humaneren Mitteln? Ein Feedback natürlich – und als solches sollten Noten in diesem Zusammenhang auch gesehen werden. Auch schreien wir Schüler nicht mehr an, sondern sagen ihnen lieber, was sie tun sollen, anstatt uns auf das Fehlverhalten zu konzentrieren (und dieses damit indirekt zu verstärken).

Bei Hunden ist es (zum Glück!) auch so. Die Methoden der 70er Jahre sind vorbei. Hunde werden nicht mehr mit der Nase in ihren Haufen gesteckt, damit sie lernen, nicht ins Haus zu machen. Es werden keine Alpha-Würfe (die absolut sinnlos sind) mehr durchgeführt, weil Hunde ihre Herrchen eben nicht dominieren wollen, sondern eigentlich ganz friedlich zusammen leben möchten.

Wenn ich hier sage “man macht das nicht mehr”, meine ich hier diejenigen, die sich tatsächlich mal über Hundeerziehung informieren. Denn es gibt leider immer noch einige, die ihren Hund für Fehlverhalten bestrafen (was NICHT funktioniert, sondern nur Angst, Hilflosigkeit und Aggressivität erzeugt – übrigens die selben Ergebnisse wie bei Bestrafungen von Schülern).

Viel viel besser funktioniert bei Hunden und Menschen eine positive Verstärkung. Heißt: wenn sie etwas tun, was uns gefällt, werden sie dafür belohnt. Bzw. bestochen. Und hier ist genau der Knackpunkt, den ich heute mal ansprechen will.

Bestechung

Eine Bestechung ist ganz einfach ein in Aussicht stellen einer für jemanden positiven Sache für eine zu erledigende Aufgabe. “Wenn du dein Gemüse isst, gibt es noch Nachtisch” ist eine klassische Bestechung. Weiter ist eine Bestechung positiver Verstärker und negative Bestrafung gleichermaßen.

Bei Hunden ganz klar: wir halten ein Leckerli hin, sagen “Sitz” und der Hund setzt sich hin, weil er ja das Leckerli will.

Bei Schülern funktioniert das aber auch (manchmal). Wir sagen, was in der Klausur dran kommt und setzen als Leckerli eine gute Note vor sie. Wer den Trick korrekt ausführt, also die Fragen der Klausur korrekt beantwortet, bekommt ein Leckerli in Form einer Note.

Solange wir also mit einer guten Note in der Hand vor den Schülern herum wedeln, werden sie auch eine gute Leistung erzielen – sofern sie denn wissen, wie sie ihren Trick ausführen können. So läuft fast während der gesamten Schulzeit die Notengebung ab. Von der Grundschule bis zum Abitur – und auch später im Studium und im Beruf noch.

Was passiert aber, wenn wir das Leckerli nicht vorher hinhalten? Wenn wir plötzlich keine gute Note mehr in Aussicht stellen, wenn Kids etwas leisten sollen. Im normalen Unterricht beispielsweise sehen sich Schüler selten gezwungen, hübsche Graphen ins Heft zu zeichnen. Sie nehmen den Kugelschreiber und machen unmotivierte Striche ohne Lineal ins Het und sind damit zufrieden, weil ja grob zu erkennen ist, wie es läuft. “In der Klausur mach ich das dann natürlich richtig”, sagen dann viele und scheitern in der Klausur bei eben dieser Aufgabe, weil sie es ohne Druck nie gelernt haben. (wer weiß, wovon ich rede, meldet sich bitte mal in den Kommentaren)

Belohnung

Schauen wir uns mal in der modernen Hundeerziehung die Idee der Belohnung an. Es muss ja etwas anderes sein als eine Bestechung. Lernt ein Hund einen neuen Trick (ich bleibe mal beim “Sitz”), so wird er zunächst mal bestochen, das Verhalten auch auszuführen, damit er es erst mal lernt. Das ist normal und auch kaum anders zu machen, da der Hund zunächst lernen muss, was “Sitz” bedeutet. Entweder bestechen wir mit Leckerlis, oder mit Zugang zu anderen Ressourcen.

Hier ist der Punkt, an dem sich die Hundeerziehung aber von der Menschenerziehung meist unterscheidet oder ihr sogar einen Schritt voraus ist. Denn die Bestechung wird dann Stück für Stück ausgesetzt. Die Hand macht die gleiche Geste und tut so, als wäre da ein Leckerli, aber da ist gar keins. Fies und gemein. Und dann passiert etwas für den Hund Seltsames: für die zweite Ausführung des “Sitz” gibt es plötzlich wieder etwas. Oder für die dritte, vierte oder zwanzigste. Stück für Stück wird die Bestechung durch eine Belohnung ersetzt.

Der Hund führt den Trick nicht mehr aus, weil er dann das Leckerli bekommt, sondern weil er dafür vielleicht ein Leckerli bekommen könnte. Nicht falsch verstehen: der Hund bekommt dann nicht etwa mengenmäßig mehr zu Fressen oder ein besseres Futter, sondern immer noch das Gleiche wie vorher.

Studien haben gezeigt, dass beim Geben der Belohnung Serotonin ausgeschüttet wird. Das Krasse ist, dass umso mehr Glückshormone ausgeschüttet werden, desto länger nix kam – natürlich nur bis zu einer gewissen Grenze. Das heißt: je seltener und ungleichmäßiger die Belohnung war, desto größer war der Serotoninausstoß. Es kommt aber noch krasser. Der Hund spürt die Freude nach kurzer Zeit auch schon beim Ausführen des Tricks selbst. Er handelt also nicht mehr primär für das Leckerli, sondern für den Trick an sich. Er ist intrensisch motiviert sich auf Befehl hinzusetzen.

Belohnung in der Schule

Und genau jetzt überlegen wir mal, wie wir das auch in die Schule bringen können. Wie könnten wir Bestechung durch Belohnung ersetzen? Eigentlich ganz einfach. Wir müssen nur etwas unberechenbarer mit unseren Leckerlis werden.

Konkretes Beispiel: ich laufe durch die Reihen der arbeitenden Kids und sehe einen Graphen einer Funktion, der in der Klausur volle Punkte geben würde. Dann greife ich in meine Leckerli-Tasche und gebe diesem Schüler einen Jackpot, nämlich 15 Punkte für diesen wundervollen Graphen. Diese 15 Punkte gehen dann zu einem klitzekleinen Anteil in die sonstigen Leistungen ein – zählen also nicht viel, eigentlich gar nichts. Sie sind eher ein Äquivalent des “Fleißbienchens” aus dem Kindergarten (obwohl dies meist in Form einer Bestechung genutzt wird). Aber ich schätze die Arbeit wert und belohne sie fürstlich.

Was passiert dadurch?

Dieser Schüler wird sich bestärkt fühlen und auch in Zukunft schöne Graphen zeichnen, weil er hofft, dass er wieder ein Leckerli bekommt. Dadurch wird er im Zeichnen von Graphen ständig besser und bekommt auch in der Klausur gute Punkte darauf. Win-Win-Situation, würde ich sagen.

Es passiert aber noch etwas viel Wichtigeres. Denn die anderen Schüler bekommen das natürlich mit. Und welcher Schüler will nicht auch ein leicht verdientes Leckerli? Heißt: auch die zeichnen bessere Graphen, weil sie auf die Punkte hoffen (die man dann auch noch ein zweites Mal an einem anderen Tag für einen anderen Graphen geben sollte). Irre: sie bekommen nichts und sind trotzdem von sich aus motiviert, besser zu werden.

Welche Probleme sehe ich hier in der Schule?

Ganz einfach: man wird gezwungen ständig Leckerlis dabei zu haben und diese auch zu geben. Man muss sich also immer wieder klar machen, was man eigentlich belohnen will und – viel wichtiger – man sollte sich im Klaren darüber sein, wen man belohnen möchte. Denn wenn man immer nur den selben Schüler belohnt, macht der Rest schnell dicht. Weiter muss man darauf achten, dass man nicht zur Notenschleuder degradiert wird, sonst ist man schnell wieder in der Bestechungsfalle und hat nichts erreicht. Also ist auch das “Wie viel?” wichtig.

Alternative Belohnungen

Wenn man keine Noten geben will oder kann, kann man auch andere Dinge als Belohnungen einsetzen. Ist die Klasse beispielsweise konzentriert am Arbeiten, kann man nach einer gewissen Zeit auch eine Pause zulassen, in der die Kids sich austoben können (bzw. regungslos und vollkommen still am Smartphone sitzen). Außerdem könnte man öfter den Unterricht nach draußen verlagern, Musik im Kopfhörer der Schüler zulassen, Essen und Trinken erlauben oder oder oder. Ihr könnt die Kids auch durch ein Kahoot (also eine weitere Lernsituation!) motivieren. Einige Schüler sehen es sogar als Belohnung an, wenn sie an die Tafel dürfen um etwas vorzustellen. Seid also möglichst kreativ, was das angeht!

Welche Ideen habt ihr, was den Einsatz von Belohnungen im Unterricht angeht? Habt ihr Erfahrungen in dieser Richtung gemacht? Wo liegen eurer Meinung nach Probleme?

2 Kommentare

  1. Besten Dank für diese schöne Veranschaulichung psychologischer Verstärkung.
    Ich habe es mit alten Menschen zu tun, die sich gesund und geistig beweglich halten wollen. Da ist mir dein Hinweis auf den Weg von der Bestechung zur Belohnung sehr wichtig. Gemeinhin spricht man in der Psychologie bei der Selbsterziehung ja davon, man solle sich selbst belohnen. Dabei ist das, was einem da empfohlen wird, ja nur eine Methode, wie man sich selbst bestechen kann. Wichtig ist die Überlegung, dass man dadurch gute Gewohnheiten entwickeln kann.
    Ich habe dich deshalb ganz begeistert zitiert: http://fontanefan.blogspot.de/2018/03/durch-bestechung-zur-belohnung-was-wir.html

    1. Großartig, dass ich dich damit zum Nachdenken darüber anregen konnte! Mir ist der Unterschied tatsächlich erst durch die Beschäftigung mit Hundeerziehung klar geworden, als einer der zahlreichen Hundetrainer bei youtube in einem Nebensatz diese Bemerkung gemacht hat. Danke für die Verlinkung!

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