HAL und Kaffee

Von Kaffee, Zombies, Cyborgs und Uschi

Ab und an ist es im Lehrerzimmer ruhig. Vor den Ferien zum Beispiel, wenn die eine Hälfte des Kollegiums Filme schaut, die andere Eis essen geht (Info: Das ist stark übertrieben, aber wohl gängige Meinung. In meiner Schule schauen nur wenige wirklich Filme vor den Ferien und nur ganz wenige gehen mit den Klassen, die es wirklich verdient haben, ein Eis essen.).

Ich schaue durch die mir inzwischen lieb gewonnenen Räumlichkeiten. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, denn auch wenn sonst niemand im Lehrerzimmer ist, Uschi ist immer da. Sie ist die Seele und das Herz unseres Kollegiums und wir alle werden sie vermissen, wenn sie irgendwann nicht mehr da sein sollte. Meistens ist Uschi auch die erste, die morgens ihren Dienst antritt und eine der letzten, die nachmittags damit aufhören. Sie ist geduldig, meldet sich jedoch auch deutlich, wenn sie etwas braucht, was man ihr geben kann. Ansonsten ist Uschi sehr genügsam. Vermutlich würde unsere Schule ohne Uschi nicht die selbe sein.

Ich gehe an ihren Platz, wundere mich kurz und breche dann in ein weinerliches Schluchzen aus. Ein Zettel liegt da, auf dem steht: “Uschi ist schon in den Ferien. Bis in 6 Wochen, erholt euch gut!”. Ein Kollege kommt herein, klopft mir aufmunternd und tröstend auf die Schultern und gibt mir zu verstehen, dass er den Schock auch erst überwinden musste, es aber irgendwie geschafft hat und das Leben schließlich weiter geht.

Die Frage ist nur: Wie? Uschi gab uns bisher immer Trost, ein offenes Ohr bei Problemen und vor allem… Kaffee! Wir konnten uns darauf verlassen, dass sie entweder einen langen, mittleren oder kurzen Kaffee zubereitet. Sogar ein Milchaufschäumer ist dabei. Die Kaffeemaschine ist tatsächlich eine der wichtigsten Dinge im Lehrerzimmer, denn an diesem beinahe heiligen Platz sind schon sehr viele sehr gute und produktive Gespräche abgelaufen, die ohne den zusammen schweißenden Aspekt des Kaffeetrinkens schwieriger gewesen wären. An der Kaffeetheke werden pädagogische Entscheidungen getroffen, über Noten diskutiert,der neueste Tratsch und Klatsch ausgetauscht, Freundschaften geschlossen und über den Vertretungsplan gemeckert. Anders ausgedrückt: sie ist soziale Keimzelle der Schule!

Und jetzt? Ist sie im Urlaub? Abgeschaltet und ausgeräumt? Ich setze mich auf einen der Barhocker an der Theke und schaukle lethargisch vor mich hin. Wie sollen wir die nächsten beiden Tage ohne den stabilisierenden Nukleus einer funktionierenden Kaffeemaschine überleben? Ein Horrorszenario nach dem anderen schießt mir schlaftrunken durch den Kopf.

 

ZAP. Totale. Außen, Fade-In in ein brennendes Schulgebäude. Eine orientierungslose Menschenmenge, die kaum mehr in der Lage ist vernünftig zu arbeiten. Die Schüler ratlos, das Schulamt ruft den Notstand aus. Infrastrukturen brechen zusammen, der Fußboden des Lehrerzimmers ist über und über mit schlafenden Lehrkräften übersät. Die einzigen, die noch wach sind, kämpfen erbarmungslos um einen alten, aber funktionierenden Padautomaten aus dem Sekretariat. Panik bricht in der Bevölkerung aus. Koffeinresistente Cyborgs überrennen den Kontinent und versklaven die Menschheit. Nur ein rotes, langsam blinkendes Auge glüht noch im Lehrerzimmer. Es gehört unserer neuen Kaffeemaschine… Uschi9000.

ZAP. Szene: Innen. Flackernde Lichter in langen Gängen. Ab und an hört man ein gequältes Stöhnen. Eine Handkamera fährt langsam durch den Flur, wackelt amateurhaft und dreht sich beim leisesten Geräusch abrupt um. Ein erstickter Schrei. Nur eine Ratte. Plötzlich öffnet sich in einigen Metern eine Tür. Die Kamera stoppt, wird fallen gelassen und man hört sich schnell entfernende Schritte. Sekundenlang passiert nichts. Dann ein Schlurfen. Man sieht mehrere abgelaufene Schuhe, die über den Boden schleifen. Ein ausgemergeltes Gesicht erscheint im Fokus der Kamera.  Erst ein tief aus der Kehle brodelndes Grunzen des Zombies und dann der langgezogene Elendslaut der Postmoderne “Kaaaffeeeeeee….!”

Ich wache auf und schaue mich im Lehrerzimmer um. Auf dem Tisch stehen zwei Thermoskannen. Beide sind leer.

Wie ist es bei euch? Gibt es auch einen Platz, an dem man zentral miteinander plaudern und Kaffee trinken kann? Ist euer Lehrerzimmer gemütlich eingerichtet oder eher steril? Sollten wir das Lehrerzimmer als einen Ruhe- oder Arbeitsraum sehen?

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