Fünf Probleme selbstständigen Lernens

Ich versuche in jedem Jahr Projekte mit Schülern zu gestalten, bei denen sie ein Teilgebiet selbstständig erarbeiten können/müssen. In Fachkreisen nennt man das kurz SOL für Selbstständig organisiertes Lernen (oder natürlich auch “Schule ohne Lehrer”). Vielen bereitet das große Schwierigkeiten, einige gehen in solchen Phasen auf und wachsen über sich hinaus. Welche Probleme dabei auftauchen und welche Lösungsvorschläge bzw. -ansätze ich dazu habe, könnt ihr in folgendem Artikel nachlesen.

Angefangen habe ich damit im letzten Schuljahr, in dem ich Schüler gebeten habe, eine Präsentation zum Thema waagerechter Wurf/Superpositionsprinzip zu geben. Hier sollten sie selbst eine Präsentationsmethode wählen, die ihnen am besten gefällt. Das hat auch sehr gut funktioniert und wir haben dabei auch großartige Ergebnisse erhalten (Schlagwörter dazu: Comic, Kurzgeschichte, Drohnenflogvideo, Unterrichtseinheit, Monobraue und Portal 2). Wir hatten eine Menge Spaß, haben dabei viel gelacht und viel gelernt. Nicht nur fachliche Inhalte, sondern auch überfachliche Kompetenzen standen im Vordergrund.

Dennoch stoße ich dabei immer wieder an Grenzen und auf Probleme, die das Arbeiten und den Lernerfolg der Schüler erschweren.

Probleme beim selbstständigen Lernen

  1. Schüler sind es nicht gewohnt, im Unterricht selbst zu denken und etwas zu erarbeiten. Ja. Wirklich. Viele sträuben sich davor, selbstständig ein Thema zu bearbeiten, da sie es aus den anderen Unterrichten nicht kennen. Das hat in den meisten Fällen weder etwas mit Faulheit noch mit Dummheit zu tun.
  2. Schüler haben Angst davor, Fehler zu machen.
  3. Projekte sind Zeitfresser. Kreativität braucht Zeit und die müssen wir ihr auch geben. Wer nur wenig hat, muss mit weniger zufrieden sein. Neben der reinen Erarbeitung- und Vorbereitung müsst ihr auch an die Zeit der Präsentation denken. Bei vielen Gruppen addiert sich das sehr schnell.
  4. Schüler nutzen ihre Zeit nicht vernünftig. Mehrere Gruppen diskutieren 20 Minuten darüber, wie sie präsentieren wollen, ohne sich zunächst den Inhalt durch den Kopf gehen zu lassen. Einige schreiben 20 Minuten an einem Poster, obwohl sie eigentlich ein Video drehen wollen. Beschäftigt und produktiv sind zwei paar Schuhe und manche Schüler unterscheiden darunter nicht. Weiter unterschätzen Schüler den Zeitaufwand einer Tätigkeit meist enorm.
  5. Offene Aufgabenstellungen sind gut, führen aber oft zu weit. Da das Internet sehr viele Informationen liefert, sind die Kids schnell überfrachtet mit unnützem Wissen. Das liegt oft daran, dass sie nie gelernt haben, den Fokus auf das für das Thema wichtige zu legen. Es kann natürlich auch sein, dass die Aufgabenstellung zu schwammig formuliert ist.

Lösungsansätze für Probleme beim SOL

Ich weigere mich, diesen Absatz Lösungen zu nennen, da es für einige Probleme einfach keine gute Lösung gibt, bzw. ich sie einfach nicht habe. Aber ich versuche zumindest einige Ansätze zu liefern, die mir bei meiner eigenen Arbeit aufgefallen sind.

  1. Einfach machen. Die Kids müssen mit einfachen Themen zum selbstständigen Arbeiten gezwungen gebracht werden. Wenn wir ihnen immer alles mundgecht zerteilen und in sie stopfen, kommt es ihnen irgendwann aus den Ohren heraus. Wenn sie sich selbst aussuchen, was sie wie essen, können sie es besser verdauen.
  2. Hier muss eindeutig eine gute Fehlerkultur im Unterricht verankert sein. Fehler im Unterricht sind normal und wichtig für den Lernerfolg. Wer keine zulässt, sollte sich nicht wundern, warum seine Schüler keine Fragen stellen oder schnell verzweifeln. Niemand hat Fahrrad fahren gelernt, ohne mehrfach vom Rad zu fallen. Also sollten wir auch unseren Schülern diesen Schmerz nicht künstlich ersparen, sondern viel mehr sogar in Maßen provozieren und geeignet Feedback dazu geben. Zeigt ihnen auch, dass wir Lehrer manchmal Fehler machen und seid ein Vorbild darin, wie ihr damit umgeht.
  3. Wer hier eine gute Idee hat, bitte her damit! arbeitsteilige Gruppenarbeit mit einem Museumsrundgang/galery walk inklusive Handout/Aufgaben ist im Moment das Beste, was mir dazu eingefallen ist. Dadurch kann der Klasse verschiedene Inhalte präsentiert werden, ohne dabei zu viel Unterrichtszeit zu nutzen. Wichtig ist nur, dass die jeweiligen Gruppen auch voneinander lernen können. Ob und wie ihr ein Feedback-Werkzeug hier einsetzt, ist eure Sache. Gut eignen sich einfache Gut/Verbesserungvorschläge-Tabellen zu den einzelnen Gruppen.
  4. Klar machen, was eine gute und was eine weniger gute Zeitnutzung ist. Macht einen Zeitplan zu den jeweiligen Formen, haltet euch dran. Setzt deadlines, die realistisch sind und lasst euch die (fast) fertigen Ergebnisse einige Tage vor Abgabe schon schicken. Damit vermeidet ihr, dass einige Gruppen am letzten Tag erst anfangen.
  5. Wer kein Ziel hat, kommt immer an. Daher: klare Ziele setzen, klare Aufgabenstellungen formulieren und sich von vornherein klar machen, welche überfrachteten Inhalte den Schülern bei ihrer Recherche noch über den Weg laufen können. Diese ggf. ausschließen oder thematisieren. Schüler müssen lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Hier muss ich selbst in der nächsten Runde noch an mir arbeiten.

Mit großer Wahrscheinlichkeit sind das nicht alle Probleme, mit Sicherheit sind das keine vollständigen Lösungen. Aber ich werde diesen Artikel bei Gelegenheit überarbeiten und erweitern.

Welche Erfahrungen habt ihr als Schüler/Lehrer für solche Arbeitsphasen? Welche Ergebnisse habt ihr dabei erzielt? Wie seht ihr den Kosten/Nutzen-Faktor? Lasst es mich wissen!

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